„Der kleine Ali kann das eben nicht“ – Systematische soziale Ungleichheit im deutschen Bildungswesen

Deutsche Kinder schneiden beim Lesen im internationalem Vergleich nicht nur kontinuierlich schlechter ab, als SchülerInnen anderer Länder, sondern hängen ihre Leistungen auch immer mehr davon ab, aus welchem Elternhaus sie stammen. Das stellte die am Dienstag veröffentlichte Internationale Grundschul-Lese-Untersuchung (IGLU) fest, welche seit 2001 alle fünf Jahre Schulleistungen international vergleicht.

Dabei wurde beispielsweise deutlich, dass Kinder aus Akademikerhaushalten ungefähr einen Leistungsvorsprung von eineinhalb Lernjahren haben vor denen, deren Eltern manuellen Tätigkeiten nachgehen. Die Differenz zwischen den leistungsstärksten und -schwächsten SchülerInnen ist EU-weit nur in Malta größer und hat zudem in den meisten Ländern im Verlauf der letzten Jahre abgenommen – nicht aber so in Deutschland.

Die Studie weist damit auf die signifikanten sozialen Ungleichheiten im Bildungssystem hin, die überall auf der Welt festzustellen und in Deutschland besonders erschreckend sind. Die Frage stellt sich, wie es möglich ist, dass gerade Deutschland, als eines der weltweit führenden Industrienationen, nicht dazu fähig ist – oder sein will –, ein sozial durchlässigeres Schulsystem zu entwickeln.

Der französische Soziologe Pierre Bourdieu stellte schon Ende des 20. Jahrhunderts fest, dass das Bildungssystem eines der entscheidenden gesellschaftlichen Institutionen zur Reproduktion der herrschenden Ordnung ist. Bildung gehört für ihn dabei zum „kulturellen Kapital“ einer Gesellschaft, neben dem ökonomischen und sozialen Kapital (also Beziehungen, auf die man zurückgreifen kann). Kulturelles Kapital lässt sich nach Bourdieu durch schulische und universitäre Ausbildung erwerben – und ist vererbbar: Wessen Eltern schon studierten, wird eher auch einen Universitätsabschluss haben, als Kinder aus bildungsfernem Elternhaus.

SchülerInnen der oberen sozialen Schichten „sprechen dieselbe Sprache“ wie der oder die Lehrende, da sie über ähnliche Kenntnisse verfügen. Sie können beim Geographieunterricht eher etwas beitragen, weil sie sich an den letzten Urlaub mit den Eltern in New York erinnern; beim Museumsbesuch wissen sie, mit welchen Adjektiven man das Gemälde beschreibt; allgemein ist ihr Wortschatz gewählter, als bei ihren Mitschülerinnen aus den Arbeiterfamilien. Eltern der besser gestellten Schichten können ihr Wissen über das Schulsystem, darüber, wie ein Gymnasium funktioniert, an ihre Kinder weitergeben – während die alleinerziehende Mutter, die abends gestresst nach der Arbeit im Supermarkt nach Hause kommt, sicher keine Zeit hat, sich noch mit den Hausaufgaben ihres Sohnes zu beschäftigen, geschweige denn, zum Elternsprechtag zu erscheinen.

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Die IGLU Studie stellt fest: „Der Leistungsvorsprung von Kindern aus Familien mit mehr als 100 Büchern beträgt in Deutschland etwas mehr als ein Lernjahr. Bei keinem Teilnehmer ist dieser Wert signifikant größer.“ Foto: Pixabay.com

 

Diese subtilen Unterschiede sind nur schwerlich auszumachen und führen dazu, dass Kinder aus den unteren Schichten nicht Schritt halten können. Für die Lehrenden sind die Kenntnisse der Kinder aus Akademikerfamilien die Norm und wer davon abweicht, muss sich schnellstmöglichst anpassen oder erhält eben keine Empfehlung für das Gymnasium.

Damit wird die Abweichung der SchülerInnen aus den sozial schwachen Schichten einfach nur als „mangelnde Bildung“ angesehen – „der kleine Ali kann das eben nicht, ist ja auch kein Wunder, bei den Eltern“. Das Problem wird aber nicht an der Wurzel gezogen und nicht als das anerkannt, was es ist: Eine Frage der sozialen Ungleichheit.

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