Fußball und Brasilien

Eines der größten Konfliktpotenziale in Brasilien haben nicht etwa Drogenbanden in den Favelas oder aber der Krieg zwischen Teilen der Bevölkerung und der Polizei – sondern: Fußball.

Auch wenn die Tatsache, dass Fußball wie eine Religion in Brasilien zelebriert wird, wohl für die Meisten keine neue Erkenntnis darstellt, ist es lohnenswert, einige Beispiele zu nennen.

Vor meiner Ankunft in Rio de Janeiro befürchtete ich das Schlimmste: Meine ersten Tage hier verbrachte ich im Juli 2014, wenige Tage nach der Fußballweltmeisterschaft, die in Brasilien stattfand und die Deutschland gewann – noch dazu endete ein Spiel gegen Brasilien mit dem berühmten 7:1!

Doch meine Angst war unbegründet: Alle empfingen mich überaus herzlich! Wahrscheinlich waren sie aber auch deswegen so freundlich, da sie sich über die Niederlage der Argentinier freuten. Ziemlich häufig jedoch hörte ich “sete a um”, “sieben zu eins”, wenn ich erwähnte, dass ich deutsch bin. Diese drei Worte entwickelten sich sogar zu einer Art Sprichwort: Wenn jemand ganz besonders beleidigt oder runtergemacht wird, hat er eben ein “sete a um” durchmachen müssen.

Dennoch stellte ich bald fest, dass ich mich auf einiges in Brasilien vorbereitet hatte – nicht jedoch auf die Frage, die mir am meisten gestellt wurde: “E aí, qual é seu time?”, “Was ist dein Team?”. Die Frage der Fragen, wichtiger als meine Nationalität, mein Alter, mein Name – das was zählt, ist die Zugehörigkeit zu einem Fußballteam Rio de Janeiros, anhand dessen man mich einordnen und beglückwünschen oder tadeln kann. Das beliebteste Team sowohl in der Metropole, als auch im ganzen Land – und in absoluten Zahlen sogar auf der ganzen Welt – ist Flamengo, das im gleichnamigen Stadtteil von Rio de Janeiro entstand und  (vor allem unter den Anhängern) bekannt ist als das Team “der einfachen Leute”. Ich konnte schon allein deshalb niemals Fan dieser Mannschaft werden, weil mir genau das immer alle versuchten einzureden! Also entschied ich mich spontan für das erste Team, was mir in den Kopf kam: “Botafogo”, ebenfalls ein Stadtteil. Diese Entscheidung sollte mir noch einige Male zum Verhängnis werden, zum Beispiel als mein damaliger Freund und Flamengo Anhänger bedauerte, er könne mich unter diesen Umständen auf keinen Fall seinen Freunden vorstellen.

Immerhin war die Botafogo Angehörigkeit noch allgemein verträglich – hätte ich mich zum Beispiel für Fluminense entschieden, würde ich klar als Snob durchgehen, oder noch schlimmer: Vasco – bekannt als die Mannschaft der Rüpel und Rabauken. 

Einmal erzählte mir meine Bekannte Dora eine Geschichte, die mich zwar zum Lachen brachte, mich jedoch kaum überraschte. Sie hatte zum Geburtstag ihres Ehemanns eine Menge seiner guten Freunde eingeladen, die dort zu Mittag aßen und gleichzeitig im Fernsehen ein Spiel Flamengo gegen Botafogo verfolgten. Ihr Ehemann, großer Flamengofan, wurde schon nach dem 1:0 für Botafogo recht mürrisch, vor allem auch deshalb, weil einige seiner Gäste Anhänger von dem führenden Team waren und dementsprechend feierten. Als dann aber das zweite Tor für Botafogo fiel, schaltete er wütend den Fernseher aus mit den Worten: “Strom ist ausgefallen. Niemand hier wird mein Essen essen und sich gleichzeitig über mein Team lustig machen” – und warf alle Gäste raus.

Ich als Deutsche kann mit Sicherheit behaupten, dass der Fußball wichtiger kultureller Teil meines Landes ist. Dennoch ist das fast nichts im Vergleich zu brasilianischen Verhältnissen – hier ist die Antwort, “ich habe kein Team”, kaum zu hören und wenn, dann wird sie nur mit ungläubigem Kopfschütteln zur Kenntnis genommen. 

Wie der Schottische Fußballspieler Bill Shankly einmal sagte: “Einige Leute halten Fußball für einen Kampf um Leben und Tod. Ich mag diese Einstellung nicht. Ich versichere Ihnen, dass es viel ernster ist!”

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