Das Leben in der Favela

Was ist eigentlich eine brasilianische Favela? Kann man sich da reintrauen oder ist sie gefährlich?

Viele schauen mich entsetzt an, wenn ich erwähne, dass ich schon in einer Favela, einem brasilianischen Ghetto, gewohnt habe. Noch verwunderter sind sie in der Regel, wenn ich erzähle, dass ich mich dort am wohlsten gefühlt habe.

Immerhin handelte es sich um Vidigal, eine der neu-modernen und „hippen“ Favelas in Rio de Janeiro, in die sich wohl – sogar – Brasilianer trauen würden. Denn häufig sind gerade die ironischerweise ängstlicher, eine solche zu besuchen, als Ausländer – einfach weil sie ihr Leben lang die angsteinflößenden Stories über die Ghettos gehört haben.

Das Leben dort ist ganz sicher anders, als in der teuren Südzone Copacabana, Ipanema, Leblon. Denn diese ist vergleichbar mit europäischen Standards: Entlang der Strandpromenade ziehen sich Hochhäuser, die von der vorwiegend weißen und reichen Bevölkerungsschicht bewohnt werden. Ich wohnte einige Zeit in einem dieser Stadtteile und konnte feststellen: Es lebt sich so anonym wie in jeglicher Großstadt, aber eben ganz anders, als in der Favela.

Arm, aber gemütlich

Denn dort hingegen wohnt die – vorwiegend dunkelhäutige und ärmere – Bevölkerung auf engerem Raum, in oftmals qualitativ minderwertigeren und selbst konstruierten Gebäuden, aber meines Erachtens gemütlicheren Häusern. Man kennt und hilft sich; Türen stehen offen für die Nachbarskinder, die von der Wohnung der Eltern in die des Nachbarn und der Nachbarin, „Tante und Onkel“, rennen und in den Straßen spielen. Es gibt in der Regel eine große, befahrbare Straße, an die mehrere kleine Gassen zu den Eingängen der Wohnungen führen und die man nur zu Fuß erreichen kann. Da Favelas sich häufig auf einem Berg befinden, bleiben auch ältere Generationsschichten dadurch stets sportlich aktiv.

Doch was ist mit der Sicherheit? Sind nicht gerade Favelas die Orte, in die man besser keinen Fuß setzten sollte? Die einfache Antwort: ja und nein.

Wenn man von Diebstahl und Überfällen hört, dann werden die ganz sicher nicht in einer der Favelas stattgefunden haben. „Sowas gibt es in der Favela nicht“, wird einem jeder Brasilianer versichern. Und das stimmt auch– nicht deswegen, weil es dort nun mal wenig zu klauen gibt. Sondern vor allem aus einem anderen Grund: Hier gibt es in der Regel keine Polizeistreifen oder Sicherheitspersonal wie in der Südzone. Wer es wagen würde, jemanden in der Favela zu überfallen, hat mit der Rache der örtlichen Fraktion zu rechnen. Die Fraktionen, das sind in Rio de Janeiro vier verschiedene Verbecherorganisationen, die in unterschiedlichen Favelas das Sagen haben und sich gegenseitig bekämpfen.

„Comando Vermelho“ (CV), das „rote Kommando“, ist die älteste, größte und einflussreichste Organisation. Sie hat die Macht in der Mehrzahl der Favelas in Rio de Janeiro. Das bedeutet für die einfache Bevölkerung: Sich am besten nicht einmischen, aber anpassen. Wie Leandro, ein Bekannter aus der Favela Manguinhos, unter der Führung des CV, mir einmal berichtete: „Mein Bruder brachte vor kurzem einen jungen Mann mit nach Hause. Ich dachte zunächst, er sei ein Freund. Doch dann stellte ich fest, dass er nach jemandem suchte und auf unser Dach wollte, um die angrenzenden Häuser zu überprüfen und auch um festzustellen, dass die Person nicht bei uns ist.“ Ich fragte nach, was denn gewesen wäre, wenn er ihm den Eintritt verweigert hätte. „Diese Option gibt es nicht“, war die knappe Antwort.

Vorsicht ist besser als Nachsicht

Einmal hatte ich persönlich das „Vergnügen“, einem Fraktionsmitglied während seiner „Arbeit“ über den Weg zu laufen. Obwohl ich vorgewarnt wurde, nicht in jene Favela nähe meines Wohnorts einzutreten, konnte ich meine Neugier nicht zügeln. Als ich nur ein paar Schritte die kleine Gasse entlang gegangen war, bereute ich meine Entscheidung sodann. Geradewegs auf mich zu lief ein junger Mann – mit einem Walkie Talkie in der einen – und einer Pistole in der anderen Hand. Wir waren nur zu zweit in dieser abgeschiedenen Straße und da ich nicht weiter auf ihn zulaufen wollte, drehte ich um. Er hätte alles mit mir machen können, doch er lief gemütlich weiter in meine Richtung, trat nach mir in eine kleine Bar ein und unterhielt sich sorglos mit der Bedienung. Während ich starr vor Schreck auf meinem Barhocker saß, stellte ich fest, dass ein bewaffneter Jugendlicher für jeden anderen Anwesenden purer Alltag war.

Später erst wurde mir wirklich bewusst, dass dieser junge Mann mir eventuell das Leben gerettet hat – denn wäre ich munter weiter in die Favela reingelaufen, hätte noch viel Schlimmeres auf mich zukommen können: So wie den vier Argentiniern, die im Februar 2017 ihrem Navigationssystem auf der Suche nach der berühmten Christus Statur folgten und in einer Favela landeten – alle vier wurden erschossen.

„Dich kennt niemand, die Leute wissen nicht, was du dort zu suchen hast. Du könntest von einer anderen Fraktion sein und dort herumspionieren“, erklärte mir später Suzanna, die in der Nähe wohnt und guten Kontakt zu den Bewohnern der Favela hat. Tatsächlich musste ich zugeben, dass die Tatsache, eine angehende Journalistin zu sein, wohl auch kaum zu meiner Verteidigung beigetragen hätte. Suzanna versicherte mir, dass ich zum Beispiel an ihrer Seite ohne Probleme die Favela hätte besichtigen können. Denn sie ist dort aufgewachsen und daher dort bekannt und respektiert – an sie hätte man sich mit Fragen über mich wenden können.

Ähnliches erlebte Leandro, als er neu in Manguinhos einzog: Eines Nachts, als er abends von einer Party nach Hause kam, wurde er von einem Dutzend bewaffneter CV Mitglieder angehalten und ausgefragt.

Rio de Janeiros vier Verbrecherorganisationen

Die Absicht der Fraktionen besteht darin, sicherzustellen, dass in „ihrem“ Territorium niemand ihre Machtposition in Frage stellt. Das gilt auch für die anderen drei Fraktionen in Rio de Janeiro, „Amigos dos Amigos“ (ADA – „Freunde der Freunde“), „Terceiro Comando Puro“ (TCP – „drittes reines Kommando“) und last but not least – der Miliz, die zum größten Teil aus Polizeikräften, der Feuerwehr und dem Militär besteht und die mit der Hilfe von Politikern rechnen können. Ihre offizielle Aufgabe besteht darin, die Bewohner der Favela zu beschützen, doch profitieren sie von ihrer Arbeit, indem sie diese einschüchtern und von ihnen Geld erpressen.

Problematisch und gefährlich für die Bewohner wird es vor allem dann, wenn zwei Fraktionen um ein Gebiet kämpfen. In diesem Fall gibt es kaum eine andere Möglichkeit, als Türen und Fenster zu schließen, sich auf den Boden zu legen und abzuwarten. Traurigerweise kommt es des Öfteren dann auch vor, dass unbeabsichtigt Unbeteiligte erschossen werden. So erzählte mir Carlos, 23, neulich, dass er, als er nach der Uni nach Hause wollte, erst einmal ein paar Stunden am Eingang der Favela abwartete, da es wieder eine Schießerei gab. „Du musst dich dann mit den anderen Bewohnern zusammenfinden, sodass ihr eine Gruppe seid und die sehen können, dass ihr nur nach Hause wollt und nichts mit den Fraktionen zu tun habt“, erklärte er mir.

Natürlich ist das nicht Alltag in jeder Favela – denn vor allem solche, die in der Nähe der Südzone, also in der Nähe der reichen Bevölkerung liegen, wurden spätestens vor Beginn der Fußballweltmeisterschaft 2014 befriedet, um Touristen nicht abzuschrecken und um ein gutes Licht auf das Land werfen zu können.

Seitdem zählt Vidigal, die Favela, in der ich wohnte, mehr und mehr zu einer angesagten Wohngegend, in der sogar schon Madonna und die Beckhams Häuser erworben haben sollen.

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Morro da Coroa – die Favela, in die ich mich lieber nicht reingetraut hätte.

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